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Montag, 17. März 2008

Welche Gewalt ist beachtenswerter und wichtiger?

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Es stellt sich eine manchmal die Frage, warum Gewalt gegen bestimmte Gruppen einen megapolitischen gesellschaftlichen Aufschrei auslösen und gegen andere wiederum nicht. Gewalt in einer Art kultureller oder medienpolitischer Rangfolge? Gibt es sowas?

Sicher. Gewalt ist in der Öffentlichkeit und Politik ein Thema, kein Zustand; was schon schlimm genug ist. Gewalt wird dargestellt, politisiert, medienpolitisch untersucht, pädagogisch bekämpft, massendemonstrativ ins Bild gesetzt, plattgeredet. Damit das Unfassbare fassbar wird, neigen Viele dazu, gewalttätige Zustände in Schubladen zu stecken, zu ordnen, in Reihen- und Rangfolgen zu packen, vielleicht ein typisch deutsches akademisches (fast bürokratisches) System.

Wie sieht nun diese Reihenfolge aus? Das kommt darauf an. Wie sie betrachtet wird. Ob medienwirksam, politisch oder statistisch.

Rangfolge von Gewalt

Was die Massenmedien anbelangt, gab es immer nur ein paar Gewaltkategorien in wechselnder Reihenfolge, je nach politischem System oder intellektueller Mode oder Ziel der Auflagenstärke; alles je nach der gefühlten „Stärke“ der Gewalt oder deren Wichtigkeit im Strafgesetz.

Die medienwirksamsten und schreckenserregensten sind wohl:

  • Gewalt gegen den Staat (Terrorismus, Linksradikalismus, Islamismus)
  • Gewalt gegen Politiker als Vertreter des Staates (Linksradikalismus, Terrorismus, Attentate durch „geistig Verwirrte“)
  • Gewalt gegen jüdische Mitmenschen und Einrichtungen (antisemitsche Gewalt)
  • Gewalt gegen Ausländer (Rassismus, Fremdenhass)
  • Gewalt gegen Kinder (Mord, Familientragödie, -drama)
  • Gewalt gegen Frauen (Mord, „Ehrenmord“, Familiendrama)

Die Auslassungen sollen darstellen, dass die Nachfolgenden in der Rangfolge der Wichtigkeit ziemlich nachrangig sind.

Gewalt gegen den Staat

Die Gewalt gegen den Staat oder deren gewählte Diener ist meistens die Allerwichtigste und seit dem Heißen Herbst Deutschlands (RAF, RZ) und den jetzigem Islamismus (Al-Qaida u. a.) die Gefürchtetste, obwohl diese Straftaten viel seltener sind als eine Mondfinsternis und in letzten 30 Jahren wenig Politiker bei solchen Taten geschädigt wurden oder zu Tode kamen. Trotzalledem droht an jeder Ecke der Terror.
Die Gefahr, einem terroristischen Anschlag zu Tode zu kommen ist schon für die Normalbevölkerung sehr gering, bei dauerbeschützten Politikern ist das ein zu vernachlässigendens Restriskio. Selbst Attentaten sind Politiker seit 1945 nicht mehr zum Opfer gefallen. Wenn es welche gab, waren es entweder Ohrfeigen, Eier- oder Farbbeutelwürfe. Manchmal gefährliche Messerattacken oder durch Schußwaffen verübte Angriffe durch Menschen mit psychischer Gewaltproblematik; jedenfalls keine mit Todesfolge.
Im Grunde genommen ist das Risiko der Normalbevölkerung durch Messerstecherei oder Schusswaffengebrauch zu Tode zu kommen höher.

Rechtsextreme Gewalt

In Deutschland ist die rechtsextreme Gewalt, oft ein merkwürdig verbrämtes Synonym für Antisemitismus oder Sammelbegriff für Staatsfeindlichkeit, Rassismus und mehr, viel beachtenswerter. Die „brauen Horden“ wie sie öfters genannt werden, sind mit ihren militärisch geprägten Aufmärschen einfach spektakulärer.
Aus nachvollziehbaren Gründen, aus Angst und dem nachwirkenden Schrecken, wollen Politiker kaum nochmals ansehen müssen wie sich Deutsche am Vernichten von Menschen beteiligen, die Andersdenkenden nicht ins Lebenskonzept passen. Nur viel gibt es da nicht mehr zu schützen, da die jüdischen Mitbürger damals entweder geflüchtet sind, ermordet wurden oder als Überlebende mittlerweile gestorben sind. An diesem Geschrumpftwerden ändert auch nichts die derzeitige wachsende, meist durch russische Emigranten, jüdische Gemeinde in Deutschland. Zu viel deutsche jüdische Kultur wurde zerstört und ausradiert.
In jedem Fall gehört moralisch-politisch der Antisemitismus in Deutschland zu den meistgeächteten Arten von Gewalt1.

Angriffe auf Asylantenheime, linke Kneipen, Jugendzentren oder Beratungsstellen von Lesben und Schwulen durch Rechtsradikale werden eher unter den Teppich gekehrt, wohl weil oft im Sinne der herrschenden Meinung diese Gruppen es irgendwie verdient haben.
Auch hier gab zum Beispiel in Bayern wie gerade in Bayern 3 hörte, nur 48 rechtsextreme Straftaten. Also wenig in Bezug auf andere Gewaltarten.

Linksradikale Gewalt

Hierunter wird meist die Gewalt gegen den Staat oder die Polizeiorgane, seltener gegen politische Gegner, verstanden, ausgeübt durch linke Gewalttäter. Meistens decken sich die Ziele der Links- und Rechts-Gewalt in Bezug auf das Staatssystem: unterwandern, zerstören, abschaffen. Extreme Arten sind dann Terrorismus der Art der RZ oder RAF.

Gewalt gegen Ausländer

Danach kommt dann die Gewalt gegen Ausländer, der Rassismus.
Das betrifft in der Öffentlichkeit allerdings auch nur Straftaten, die von rechtsextremen Gruppen gegen Ausländer ausgeübt werden.
Beachtet wird es allerdings nur, wenn gröhlende betrunkene Horden von Rechtsextremen Häuser anzünden, irgendein Haus mit türkischen Mitmenschen oder ein Asylbewohnerheim abgebrannt ist, schwarze Asylanten erschlagen wurden.

Gewalt gegen Kinder und Jugendliche

Ab und an steht die Gewalt gegen die Schwächsten unser Gesellschaft wie sich gern unsere mitmenschelnden Politiker ausdrücken, also die Gewalt gegen Kinder und Jugendliche, an erster Stelle. Meist interessiert es die Öffentlichkeit jedoch nur, wenn Kinder „missbraucht“ und ermordet wurden oder verhungerten.
Die alltägliche Gewalt an Schulhöfen mit Prügel, Erpressung, Psychoterror und Mobbing, meist durch Schülergruppen oder selten einzelne Lehrer, ist da wenig beachtenswert, höchstens durch das überlastete, unterfinanzierte, oft hilflos agierende Familienministerium. Anti-Gewaltprojekte an Schulen werden nicht gefördert und kaum als sinnvoll erachtet.
Familiäre Gewalt gegen Kinder und Jugendliche, oft auch Häusliche Gewalt genannt, wohl um den Begriff der Familie nicht zu beschmutzen, ist wenig zu beachten. Beratungsstellen für Kinder und Jugendliche bekommen mittlerweile nur noch wenig Geld vom Staat, es reciht manchmal nur für eine halbe Stelle oder noch nicht einmal dafür, und selbst die Wirtschaft wagt es nicht oder nur ganz vereinzelt, solche Zustände als existent anzuerkennen und Projekte gegen Gewalt zu fördern.
Engagement gegen Gewalt an Kindern und Jugendlichen fördert nicht das Image, weder bei Politikern noch Managern. Das in einer Gesellschaft, wo angeblich Kinder Zukunft sind; vielleicht sind Zigtausend oder Hundertausende Kinder und Jugendliche doch nicht wichtig so.

Familiäre Gewalt gegen Kinder und Frauen

Irgendwo in der Rangfolge der Gewalt im Blickwinkel der Öffentlichkeit stehen dann unwichtige, aber sehr oft auftretende Gewaltereignisse wie von den Medien Familiendrama oder -tragödie (ein nettes, die Morgenzeitungsleser nicht verstörendes, Entsorgungsparkwort, welches aber in Wirklichkeit oft mehrfachen Mord ausdrückt) genannte. Randalierende, immer noch entschuldigend „Familienväter“ genannte Männer erschlagen, erstechen oder erschießen im Suff, aus Eifersucht, Geldmangel oder aus Wut Frau und Kinder. Da erscheint die Vergewaltigung oder das Schlagen von Frau und Kind noch harmlos dagegen.
Ganz am Ende der Reihenfolge steht diese zu oft verübte, unsichtbar gehaltene Gewalt.
Aber wen interessiert es wie viel Kinder und Frauen geschlagen oder vergewaltigt werden? Mit Vergewaltigung will niemand etwas zu tun haben, solche Opfer sind nicht süß und nett anzusehen. Und Sexuelles ist moralisch immer noch Privatsache, schmutzig, gewollt; sexuelle Gewalterfahrung durch eigenes Fehlverhalten selbst verschuldet.
Somit erfahren unterstützende Projekte für die Geschädigten wenig Achtung und finanzielle Unterstützung. Mittel werden gekürzt, Stellen abgebaut; aber nach Außen medienwirksam durch das Familienministerium über Jahre Aktionen mit Plakaten und Broschüren gegen Häusliche Gewalt angefahren, die allzuwenig positive Auswirkung haben.
Tötungen im familiären Bereich kommen oft vor, schwere Körperverletzung oder Taten gegen die sexuelle Selbstbestimmung (Vergewaltigung, Mißbrauch) nicht minder.

Gewalt gegen behinderte Menschen

Gewalt gegen Behinderte kommt im Bild der Öffentlichkeit selten bis gar nicht vor, ist öfters vorhanden als den Betroffenen lieb ist. Nur sind das die Menschen, denen meist am wenigsten geglaubt wird oder die keine Anlaufstellen haben, die ihnen unterstützend helfen können. Behinderte können sich oft nicht körperlich wehren oder sich sprachlich vermitteln.
Gewaltsituationen, denen behinderte Menschen in Einrichtungen ausgesetzt sind, sind medizinische Behandlung ohne Einwilligung, körperliche Quälereien durch Pflegepersonal, sexuelle Nötigung oder Vergewaltigung, entwürdigende körperliche Pflege, auch Körperverletzung durch Schläge.
Behinderte, die im Alltagsleben selbständig leben können, sind eher Pöbeleien und körperlichen und psychischen Angriffen in der Schule und im Alltag ausgesetzt; Körperverletzungen und sexuelle Gewalt kommen eher weniger im Vergleich zu Behinderten in Einrichtungen vor, da die Abschottung durch Einrichtungen größer sind.
Behinderte Menschen werden in der Öffentlichkeit oft stereotyp als lächelnde, an Trisomie Erkrankte oder im Rollstuhl sitzende dankbare Wesen verkauft. Da passt das Bild der durch Gewalt Geschädigten nicht mehr als Werbeträger und schon gar nicht als Hilfsbedürftiger.

Gewalt gegen Ältere Menschen

Ältere Menschen, ob sie nun Zuhause wohnen oder im Alters- oder Pfelgeheim leben, sind gefährdert. Sowohl durch Körperverletzung in Form von Schlägen oder medizinischen oder Pflege-Fehlern als auch Überfall, Vergewaltigung und Mord.
Auch dieser Gruppe wird wenig gelaubt, denn ältere Menschen nehmen angeblich ihre Umgebung nicht mehr richtig wahr und außerdem, wer vergreift sich schon körperlich, sexuell an alten Menschen – so ist die Vorstellung im Allgemeinen. Es wird sehr selten genauer untersucht, warum ein älterer Mensch zu Tode kam, er war halt alt und da stirbt man eben. Morde durch Pflegekräfte, Ärzte oder Angehörige bleiben da durch eine mangelhafte Leichenschau verborgen.
Alte Menschen sind nicht wichtig, sie haben durch ihr Alter an Wert in Form von Arbeitskraft verloren und genießen so nicht mehr die Beachtung, die ihnen zustände.

Sicherlich gibt es noch andere Arten mehr oder weniger extremer Gewalt, nur sind diese eher nicht medienwirksam, weswegen ich sie hier auch nicht betrachtet haben wollte.

Opfer oder Geschädigte?

Wie gesagt, Opfer oder wie sie besser genannt werden sollten: „durch schwere Gewalt Geschädigte“ sind weder nett, fotogen noch Werbeträger, noch bringen sie einem Politiker Prestige. Mit ihnen will niemand in der Gesellschaft zu tun haben.
Solange Geschädigte nicht zur besseren Einschaltquote beitragen oder sonstwie positives Aufsehen erregen wie Mitleid, Spendenzwang oder prickelndes Erschrecken, oder keinen politischen Nutzen für Politiker haben, sind sie unwichtig – eher nur ein statistischer Faktor, zum Leben gehörend.

Fazit

All diese Gewaltakte sind gleichrangig, justiziabel und bestrafenswert, schädigend für Menschen. Man sollte nicht die eine Gewalt als wichtiger erachten wie die andere.
Aber das wird wohl nur eine Vorstellung von mir bleiben.

  1. [1] Es geht mir nicht darum, Gewalt gegen jüdische Mitmenschen zu verharmlosen. Mir geht es darum, gegen die Hierarchisierung von Gewalt anzugehen und diese Hierarchie darzustellen. [zurück]

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