Über die Jahre habe ich Betroffene aller Geschlechter kennen gelernt, die seltsame Verhaltensweisen zeigen. Sie vergeben Täter*n, respektieren sie als Verwandte, als Ex-Partner*, als Teil ihres Lebens.
Mich hat das immer irritiert. Denn die Betroffenen zeigen sehr wohl akute Probleme im Umgang mit den erlebten Taten, schwere Beeinträchtigungen ihres Körpers, der Seele, ihres Lebens. Wie können sie also die Täter* respektieren, achten oder sogar lieben? Für mich passt das nicht zusammen, dass von Gewalt betroffene, Vergewaltigte den Täter*n so viel Achtung entgegen bringen.
Für mich gibt es dazu ein paar Vermutungen, warum Menschen den Tätern so viel Positives entgegen bringen:
- Verdrängung der Taten durch Dissoziation
- Stockholm-Syndrom
- Regression
- Ängste vor Täter*n
- Schuldgefühle
- Posttraumatisches Belastungssyndrom
- Positive Gefühle durch Erregung bei der Tat
- Beeinflussung in Therapien zum „Vergeben“ wie beim Familienstellen oder in Religionsgemeinschaften oder Sekten
Erlebte Beispiele
Alle genannten Personen sind existent, die Lebensumstände anonymisiert.
Trude C. (48) wurde im Vorschulalter von ihrem 14-jährigen Bruder über Jahre vergewaltigt. Mittlerweile ist sie jahrelang in Therapien, Selbsthilfegruppen gewesen, hat fast keine Familie mehr. Nun kommt dieser Bruder auf sie zu, weil der Neffe ein Familientreffen ausrichtet, und lädt sie ein. Z. sagt zu, obwohl sie Angst vor dem Bruder hat. Trotzdem will die ihn besuchen, weil er sonst den Familienkontakt abbricht oder dafür sorgt, dass sie enterbt wird.
Ich kann nachvollziehen, dass sie erpressbar ist, Angst hat, aber einen solchen Täter als Verwandten, als Bruder zu bezeichnen, ist für mich unvorstellbar. Soviel Achtung vor einem Täter, der nie die Taten zugab und diese wie auch die restliche Verwandtschaft leugnet.
Allerdings stört mich, dass sie immer wieder davon erzählt wie gemein und dominant ihr Bruder ist, sie aber immer wieder Kontakt mit ihm haben will, weil er ihr Bruder, Familie ist.
Ich kann mir nur vorstellen, dass ihr die soziale und seelische Reife fehlt, sie immer noch wie eine Person im Alter zu Tatzeit reagiert und ihren Verwandten, den Täter*n brav sein, gefallen will. Oder dass sie schwere psychische Schäden hat, Posttrauma, weil sie Täter* achten.
Inge G. (32) wurde als Kind über Jahre von ihrem Stiefvater brutal verprügelt und sexuell beleidigt, gedemütigt. Daraus entwickelten sich Schlafstörungen, Depressionen und Ängste. Mittlerweile lebt G. in einer männlichen Rolle, ist radikaler Christ in einer Freikirche und will demnächst einen Geschlechtswechsel vollziehen. Trotz aller erlebten Gewalt liebt G. den prügelnden Vater und besucht in oft, weil dieser herzkrank ist.
Dass ein Mann, der als Kind so verprügelt und gedemütigt wurde, zum Täter zurück geht, ihm verzeiht, weil er krank ist, ist mir unvorstellbar.
Offene Fragen
Was haltet ihr von solch einem Verhalten von Betroffenen? Ist das für euch ein Weg des Umgangs mit Täter*n?
Welche Erfahrungen habt ihr gemacht mit Betroffenen, die erhebliche Gewalt erlebten?
Welche Untersuchungen gibt es, die erklären, dass Betroffene von Gewalt so reagieren?
Sollten Betroffene aus so einem Verhalten ausbrechen oder ist das doch positiv für sie?
Ist das Verhalten eine Art Mittäterschaft, weil sie die Täter* schützen und nicht blossstellen?
Was meint ihr?